30 Dez

Anders gleich

Kennt ihr den Moment in dem man sich nicht sicher ist, ob eine Erinnerung Realität oder Traum ist?

Ich hatte immer den Traum von einem Deutschland, in dem man als Muslima uninteressant ist. Seit einigen Wochen ist das kein Traum mehr, sondern eine Erinnerung. Die Erinnerung an ein Gefühl des Dazugehörens, das ich vorher nie hatte.

Eine Studentenbar in einer Studentenstadt. Ein Mädchen und ein Mann auf zwei unterschiedlichen Stühlen an einem alten Holztisch im Mittelpunkt des Raumes. Trivial Pursuit, Domino und Memory, ein Bier, ein Ingwer-Tee, Honig und Zigaretten. Abgedunkelte Lampen und Licht von einer Leinwand.

Das Mädchen lacht laut, beobachtet die Leute und trägt ein rosé geblümtes Leinentuch mit weißer Nadelspitze zu einem Turban um den Kopf gewickelt. Das Mädchen bin ich und ich habe gelacht, weil es ein schöner Abend war, aber auch ein bisschen, weil ich glücklich war beobachten zu können, nicht beobachtet zu werden. Niemand schaute uns an. Keiner interessierte sich für uns. Dabei bin ich immer so eine exotische Attraktion hier im Schwabenländle. Ich kann nicht mal zu einer Studentenparty gehen, weil ich dort von allen angestarrt werde, als sei ich ein Zirkustier.

Vielleicht ist eine sexistische, weiße, alte, privilegierte hetero-maskunazimäßig aussehende Begleitung* so etwas wie ein Islamneutralisierer für die Schwaben. So nach dem Motto „Ein Mann mit einer fremden Kultur, der eine von unseren Frauen liebt, klaut uns die Frauen und eine Frau mit einer fremden Kultur, die einen von unseren Männern liebt, gewinnt dadurch ihre gesellschaftliche Existenzberechtigung.“

Deutsche Männer scheinen wirklich ihre Vorteile zu haben. Ich hab zwar manchmal das Gefühl, dass ich mein ganzes Volk verrate, aber mir wurde an jenem Abend durch diesen Wink des Schicksals vor Augen geführt, dass man als Mensch im Leben nicht viel darüber nachdenken darf, wem man nicht gefällt oder welche Figur man abgibt, wenn man abseits des risikofreien Weges geht, weil Menschen einfach unlogisch denken. Und wenn man das Nachdenken aufgibt, wird es mit einem Mal so still, dass das Schicksal einen ganz sanft in die richtige Richtung treiben lässt.

Es gibt sicher unzählige tolle muslimische Männer und wahrscheinlich gibt es noch mehr Gründe, warum es simpler gewesen wäre sich einen muslimischen Mann zu suchen. Aber wenn man nach Gründen sucht, warum man nicht mit jemandem zusammen sein kann, wird man immer einen Grund finden. Aber wenn man alle Konventionen loslässt, finden man vielleicht das, was man will und was einem zusteht.

Ich wollte immer einen Mann, der auf mich aufpasst, wenn ich strauchle und falle und mir in diesem Augenblick die Kraft gibt mich meinen Ängsten alleine zu stellen und anscheinend war das, was ich wollte auch das, was mir zustand.

Wie das mit dem Islam weiter gehen wird, weiß ich nicht, aber ich hoffe, dass ich noch viele Erinnerungen sammeln kann an das Gefühl, dass es egal ist, Muslima zu sein, dass es nicht schlimm ist, niemanden stört und mich nicht hindert. Das dabei sein, dazu gehören und im Schwarm untergehen Gefühl.

Danke.

(*das ist eine öffentlich geäußerte, ironische Selbstbeschreibung der gemeinten Person** und nicht böse ;) )

(** Ich)

Dieser Gastbeitrag ist quasi eine indirekte Fortsetzung dieses Gastbeitrags: http://matzesgedanken.wordpress.com/2014/12/01/anders-anders-ein-gastbeitrag/

8 thoughts on “Anders gleich

  1. Ich bin nicht politisch korrekt und dazu ein weißer, heterosexueller Mann! Manchmal trete ich in Fettnäpfchen und werde dann als Antisemit, Nazi oder Rassist “entlarvt”. Im Grunde bin ich aber liberal und etwas unkonventionell. Ich stelle mir nun vor, dass eine junge Frau muslimischen Aussehens mit Kopfbedeckung gleich eine Menge “politischer Korrektheit” auslöst. Also direkt anstarren geht nicht, tuscheln auch nicht, nur ganz heimlich mal rübergucken. Und bei Kontakt dann superhöflich, auf keinen Fall diskriminierend wirken!! Aber eigentlich ist das gar nicht notwendig, Politische Korrektheit und noch schlimmer “Toleranz” sind Feinde des Miteinanderlebens.

  2. Da ich schon manches von dir gelesen habe, kann ich das einordnen. Mir scheint, du hast deinen Weg und dein Glück gefunden, und das freut mich.

    Du scheinst hier indirekt wieder vom Kopftuch zu schreiben.

    Nicht jeder Muslima sieht man ihren Glauben an. Vielen, vielleicht den meisten in Deutschland sieht man es nicht an. Du hast dich dazu entschieden, ein bestimmtes Symbol zu tragen und damit deinen Glauben und eine bestimmte Interpretationsrichtung des Glaubens sichtbar zu machen. Daß es dann oft wahrgenommen und darauf reagiert wird, liegt in der Natur der Sache – dafür sind Symbole ja da: andere Menschen auf etwas hinweisen. Nimm ihnen nicht übel, daß es funktioniert.
    Der Glaube selbst hingegen ist etwas innerliches, zwischen Mensch und Gott.

  3. Habe ich das richtig verstanden: Du hast einen nicht-muslimischen Sexualpartner und trägst aus islamisch-religiösen Gründen eine Kopfbedeckung?

      • Nach der Scharia ist die Todesstrafe darauf angesetzt, eine ehrenwerte muslimische Frau der Unzucht zu bezichtigen.

        Sprich erst, wenn du sieben Zeugen hast oder schweige bis zum jüngsten Gericht.

        Ich trage mit Stolz und Würde eine Ayat aus dem Koran auf meinem Kopf. Willst du mir verbieten, was Allah mir geboten hat?

        Hätte ich so viele Sünden, wie das Sand am Meer, würde mich das nicht dazu bringen, den Islam loszulassen.

  4. Ich weiß nicht ob du jetzt ihn oder mich meinst.
    Eine muslimische Frau der Unzucht zu bezichtigen wird in der Tat zu den großen Sünden gezählt,aber das man dafür die Todesstrafe bekommen sollte,ist mir wirklich neu.Um eine Unzucht zu beweisen müssen vier Menschen den Akt gesehen haben.Es müssten also vier Leute plötzlich ins Zimmer geplatzt sein.Von sieben hab ich noch nie gehört aber man lernt ja nie aus.
    Kein Mensch (ich hoffe du kriegst nicht solche kommentare) will das du den Islam verläßt.Ich sehe meine Sünden so als wären sie wie der Sand am Meer und ich liebe den Islam trotzdem.
    Aber wenn du eine außereheliche Beziehung öffentlich auslebst,schlußfolgern die Leute natürlich das du Zina machst.
    Wie dem auch sei,ich hoffe das ich dich nicht verletzt habe das war nicht meine Absicht..

    • Nein, natürlich meine ich nicht dich, sondern ihn. Ich mag dich sehr und lese schon lange deinen Blog. Wahrscheinlich sind auch deine Infos richtiger, weil du viel tiefgründigeres Wissen über den Islam hast. Ich weiß nur, was ich hier und da mitbekomme.

      Ich kenne viele Männer Hida und würde für keinen von denen meine Hand ins Feuer legen, nur für Matze. Natürlich wünsche ich mir, dass Matze irgendwann das sieht, was ich sehe. Wer würde jemandem, den er liebt brennen sehen wollen? Ich nicht und mein Glaube drückt sich da nunmal klar aus. Aber deshalb werde ich ihn nicht aufgeben und ich werde ihn auch nie vor irgendeine Forderung stellen.

      Es ist sein Leben und es ist mein Glauben.

      Was ist will und was ich fordere sind nur Toleranz, Verständnis und Respekt und das erkenne ich bei dem Kommentator nicht. Das ist aber der Grund, warum ich das alles öffentlich mache, nicht weil es mir Spaß macht und ich es toll finde.

      Schau mal das.. http://mervykay.wordpress.com/2014/11/05/deutschturkischmuslimisch/

  5. Verständnis und Respekt finde ich immer gut, dazu auch ein wenig laissez-faire. Toleranz hat dagegen oft mit vorgelebter Verlogenheit zu tun. Es braucht keine Toleranz für ein Kleidungsstück, da reicht die Devise “leben und leben lassen” aus.

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